Zum Objekt degradiert

Zum Objekt degradiert

Unterhält man sich mit Männern die, die Musterung in Deutschland oder auch in anderen Ländern durchlaufen haben, fällt immer wieder der Satz “Ich wurde behandelt wie Schlachtvieh”. Auch ich habe mich so gefühlt und habe diesen Satz, wenn ich einmal mutig gewesen bin und darüber geredet habe, benutzt um zu erklären, was das Problem bei dieser “ganz normalen Untersuchung” ist.

Was bedeutet das eigentlich für einen jungen Mann behandelt zu werden wie ein Bulle aus der Ochsen  oder Jungbullenmast?

Zunächst einmal ist die Musterung auf Effektivität getrimmt. Das heißt für den 17 Jährigen Staatsbürger, dass er in seiner “Vorladung” zur Musterung gebeten wird in allen Belangen nicht seinen Namen, sondern seine Personenkennziffer anzugeben. Es war also nicht so, dass ICH im KWEA erschienen bin, sondern vielmehr so, dass ein beliebiges ETWAS mit einer beliebigen Nummer dort erschienen ist. Und das nicht etwa freiwillig, sondern weil man das ETWAS mit der beliebigen Nummer sonst in ein Gefängnis gesteckt hätte. Dann wurde das DING mit der Nummer genommen und gedreht, gewogen, gewendet, gemessen und inspiziert. Wie man einen Bullen dreht, wendet, wiegt, misst und inspiziert. Dann wird das Tier verkauft. Entweder es kommt in die Ochsenmast, die Jungbullenmast oder er wird Zuchtbulle. Klar kann man den Bullen schubsen, treten und behandeln wie man möchte. Wie soll er sich denn wehren? Das tut den Menschen die so etwas täglich tun meist nicht sonderlich Leid. Manchmal kommt es jedoch vor, dass irgendein Filmteam dieses Vorgehen filmt und man die Resultate, dann entweder im Kino oder im Fernsehen begucken kann. Oft gibt es dann einen Aufschrei. Leute werden Vegetarier (zumindest so lange, bis sie den Film wieder vergessen haben), es werden Talkshows einberufen, die Presse widmet dem Thema Titelstorys und der bewusste Bürger entscheidet sich nur noch Bio Fleisch zukaufen. Auch für meine Körper hat man ein Urteil gefällt. Das Urteil wurde dann in einer Zahlen Buchstaben Kombination bekannt gegeben, die mit “T” angefangen hat und mit einer Zahl zwischen 1 und 5 wieder gegeben wurde. Manchmal wurde noch das Wort “untauglich” oder “nicht verwendungsfähig” ergänzt.

Und nein der Vergleich ist nicht übertrieben. Es ist kein Geheimnis, dass es auch in Deutschland Wehrpflichtige gegeben hat, die in Kriegen verheizt wurden. Es ist auch kein Phänomen aus dem Mittelalter oder sonst irgendeinem düsteren Zeitalter. Es genügt etwa ein Blick nach Russland um festzustellen, dass dies ein Problem der Gegenwart ist.

Auch mein Körper hat einmal nicht mehr mir gehört, sonder einem Ding was man Staat nennt. Der Staat hat über meinen Körper verfügt indem er Beamten die Macht gegeben hat mit meinem Körper so umzugehen wie mit Schlachtvieh. Dieser Umgang beinhaltete auch das Verfügen über meine intimsten Körperstellen. Diese durften penetriert werden, begutachtet werden und abgetastet werden. Gegen meinen Willen. Dank dem Wehrpflichtgesetzt. Ein Gesetz, was bis heute besteht.

Das Verfügen über einen Menschen, die erzwungene Nacktheit, das Penetrieren von Körperöffnungen, das Berühren der Geschlechtsorgane, GEGEN DEN WILLEN eines MENSCHEN ist und bleibt Missbrauch. Auch wenn es ein Gesetz gibt, was dieses Vorgehen scheinbar legitimiert.

Dabei geht es nicht darum andere Formen von Missbrauch zu relativieren. Es geht darum ein Kind beim Namen zu nennen und nicht länger so zu tun als wäre diese Form des Missbrauchs etwas normales.

Es gab zwei Denkmuster aus dem feministischen Diskurs die im Zusammenhang mit Missbrauch immer wieder eingebracht worden. Das erste war, dass das Opfer entscheidet, was Missbrauch ist und was kein Missbrauch ist. Das muss auch uneingeschränkt für jene gelten, die zur Musterung gezwungen wurden. Ich finde es für das, was mir passiert ist kein Wort was zu stark ist. Ich wehre mich auch gegen vergleiche mit dem Frauenarzt. Geschlechtsverkehr sollte man solange Geschlechtsverkehr nennen, so lange zwei Menschen einvernehmlich entscheiden ihn zu vollziehen. Wenn der Geschlechtsverkehr gegen den Willen des einen Menschen stattfindet muss man von Missbrauch sprechen. Wenn nun der Wehrpflichtige gegen seinen Willen “untersucht” wird, ist es eine Verhöhnung, wenn man in diesem Zusammenhang immer noch von einer “Untersuchung” spricht. Es ist Missbrauch.

Das zweite Denkmuster des feministischen Diskurses ist, dass etwa die Pornoindustrie Menschen nicht als gleichwertiges und selbständiges Subjekt wahrnimmt, sondern zum Objekt macht. Nun kann ich mir kaum eine Situation vorstellen, in der ein Mensch mehr zum Objekt degradiert wird als bei einer Musterung. Ich fordere auch hier, dass die Forderung nicht zum Objekt gemacht zu werden auch für den Wehrpflichtigen gelten muss.

B.A.