Ein Hodensack klagt an

Ein Hodensack klagt an

Ein Hodensack klagt an (von Raphael Gensert)

Der Multikommunikationspublizist, Gesellschaftsbeobachter und Medienproduzent Raphael Gensert hat als einer von wenigen seine Erfahrungen mit deutschen KWEAs öffentlich gemacht. Der anklagende Aufsatz ist bereits im Dezember des letzen Jahres auf seinem eigenen Blog erschienen, Mit überraschender Offenheit und Selbstbewusstsein spricht der junge Autor über seine persönlichen Erfahrungen in deutschen Kreiswehrersatzämtern. Mit positivem Mut spricht er aus, was sich die wenigsten Betroffenen zu sagen trauen. Er weiß um das Tabu, mit welchem das Thema belegt ist und er weiß auch, dass diese Taten nur so lange möglich gewesen sind, weil die betroffenen Jungen und Männer aus Scham geschwiegen haben. Er verdient höchste Anerkennung für seine Mithilfe beim brechen des Eises. Es wird vielleicht noch einige Jahre dauern, bis offen darüber gesprochen werden kann, aber dennoch zeichnet sich bereits jetzt ein gewissen Tauwetter ab. Dank mutigen Menschen wie Raphael Gensert.
(Die in diesem Beitrag von Gensert zitierten Passagen aus dem PDF Dokument beziehen sich auf das 2010 erschienene Buch zur Musterung: “Staatlich legitimierte Perversion“)

Kreiswehrersatzämter: Ein Hodensack klagt an

Mit diesem Blog unterbreche ich einen Grundsatz, der für meine Blogs bislang immer gegolten hat und der auch weiterhin gelten wird. Mit diesem Blog beschreibe ich etwas Persönliches. Ich sage es auch gleich vorweg: Ich kann dieses Thema nicht objektiv beschreiben und mich deshalb auch nicht neutral oder zurückhaltend ausdrücken, sondern nenne die Dinge beim Namen. Ja, ich werde polemisch. Von daher bin ich niemandem böse, der sich diesen Aufsatz nicht antut. Es ist mir aber wichtig, ausnahmsweise etwas Persönliches zu berichten, weil ich sicher weiß, daß es Millionen Menschen da draußen genau so geht wie mir. Ich spreche für uns alle! Ein Hodensack klagt an. Und zwar meiner.
Eine Woche ist es jetzt her, seit mich über die dpa die Meldung erreicht hat, daß zum 30. November die letzten Kreiswehrersatzämter in Deutschland schließen. Es fällt mir immer noch sehr schwer, meine Gefühle, die ich mit dieser Nachricht verbinde, zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht ist es ungefähr so, als wenn es mitten im Krieg gehießen hätte, daß sämtliche KZs von heute auf morgen einfach so ihren Betrieb einstellen. Etwas, das jahrzehntelang dogmatisch existierte, die institutionalisierte Verachtung von Menschenrechten, die der Staat immer wieder gebetsmühlenartig für sich legitimierte, soll plötzlich verschwinden? Etwas, über das man nie gesprochen hatte? Etwas, von dem jeder wußte, daß es existierte und um das sich so viele Mythen und Gerüchte rangten und von dem aber trotzdem jeder wußte, daß dort Tag für Tag Menschen um ihre Würde gebracht und systematisch gequält wurden? Jeder Mann, der einmal ein solches Amt von innen gesehen hat, und das dürften so ziemlich alle sein, weiß davon, aber kaum jemand hat jemals darüber gesprochen. Ich auch nicht. 14 Jahre nicht. Bis jetzt.
Die Tatsache, daß auch ich von der Musterung betroffen war und die Erinnerungen daran mit ins Grab nehmen werde, macht es mir nicht leicht, darüber zu sprechen. Als ich die Meldung von der Schließung dieser Folterhäuser las, riß in mir eine Wunde auf, von der ich nicht mehr wußte, daß sie überhaupt exisiert. Und urplötzlich war alles wieder da: Der kalte November-Morgen im Kreiswehrersatzamt Wiesbaden damals, 1998, als unser Verteidigungsminster noch Scharping hieß, das kahle unpersönliche Wartezimmer, in dem wir halbnackt saßen, froren und höllische Angst hatten, und natürlich auch die Untersuchung selbst. Die ich, wie so ziemlich jeder, in Anwesenheit zweiter Frauen über mich ergehen lassen mußte. Das Internet war damals noch nicht so verbreitet, Erfahrungsberichte von anderen, die schon da waren, glichen eher modernen Legenden als wirklichen Erlebnisberichten. Bei jedem schien das irgendwie anders abzulaufen. Das mache das ganze unberechenbar, weil keiner so genau wußte, was auf ihn zukommen würde. Natürlich hatten wir alle Angst vor dem EKG, dem Eier-Kontroll-Griff. Wenn ich mir heute einige Erfahrungsberichte von Jungs durchlese und ihre Erfahrungen mit meinen vergleiche, komme ich zu dem Schluß, daß es mich noch relativ gut getroffen hat. Ich mußte mir “nur” an die Hoden fassen lassen. Von einer Musterungsärztin, die so Mitte, Ende 50 gewesen sein muß. An die Protokollantin habe ich kaum noch Erinnerungen. Die saß etwas im Hintergrund. Durch die generelle Anspannung und Nervosität war ich wie in Trance und habe vieles auch nicht mitbekommen. Oder ich habe es verdrängt und die Erinnerungen daran ausgelöscht. Sowas passiert ja manchmal mit Sachen, die so schrecklich sind, daß der menschliche Geist sie nicht verarbeiten kann und deshalb aus Selbstschutz löscht. Jedenfalls blieb es bei mir, Gott sei dank, “nur” bei diesem EKG. Ich lag auf der Liege, hatte nur eine Unterhose an. Dann sagte sie zu mir: “Dann ziehen Sie jetzt bitte Ihre Unterhose runter, damit ich Ihre Hoden betasten kann.” Ich war darauf vorbereitet, aber zu naiv und noch nicht selbstbewußt genug, um das zu verweigern. Also brachte ich nur ein kurzes “Na toll” hervor, zog die Unterhose runter und spürte ihre harten Finger zwischen meinem Sack und der Leiste. Dann sollte ich aufstehen. Sie griff mir wieder dorthin. “Husten Sie mal!” Ich hustete und durfte mich danach wieder anziehen. Wie gesagt: Verglichen mit dem, was ich von anderen gelesen habe, muß ich echt glimpflich davongekommen sein. Ich mußte weder meine Vorhaut zurückziehen, noch mußte ich sie mir zurückziehen lassen, ich mußte mich auch nicht umdrehen, mich nicht bücken, ich mußte meine Backen nicht auseinanderziehen, und ich mußte auch keinen Finger in meinem Po ertragen. Und doch ist mir mit der Nachricht, die Kreiswehrersatzämter würden geschlossen, alles wieder hochgekommen, und ich bin bis jetzt damit beschäftigt, dieses Trauma zu verarbeiten.
Bei meinen Recherchen zum Thema Musterung ist mir aufgefallen, daß wirklich viele Betroffene berichten, von und vor Frauen untersucht worden zu sein. Das ist offenbar kein Zufall. Offiziell wurde sowas auf Anfrage von Betroffenen mit Gleichstellung begründet. Allerdings deutet alles darauf hin, daß Frauen ganz gezielt zur Erniedrigung der Männer eingesetzt werden und es den Frauen, die so etwas machen, auch Spaß macht. In einem Internetforum hat eine Musterungsärztin folgendes geschrieben:
“Besonders erregt es die männlichen Gemüter, wenn eine Ärztin die Musterung durchführt. Jetzt mal eine Frage an meine Geschlechtsgenossinnen, wer von euch würde wirklich gern mal einige Zeit bei der Musterung von Wehrpflichtigen, natürlich bei entsprechender Ausbildung, als Ärztin oder Protokollantin mitmachen?”
Ich fange an zu kochen, wenn ich mir das auf der Zunge zergehen lasse. Und das ist bei weitem nicht das einzige, was diese Damen so loslassen. Hier nochwas:
“Es ist schon ein aufregendes Gefühl, dabei zu sein, wenn ein junger Mann vor der Ärztin seine Vorhaut zurückstreifen muss und dabei seine Eichel zum Vorschein kommt.”
In dem Buch “Musterung – Staatlich legitimierte Perversion” von Lars G. Petersson finden sich noch eine Reihe weiterer Beispiele, die in diese Richtung gehen:
“Es war immer ziemlich krass und irgendwo cracy, wenn sie so einen halben Meter vor einem standen und sich vor einem ihr Ding zwischen die Finger nahmen und sie dann ihr Lustorgan hervor pulen mussten und man es die ganze Zeit voll sehen konnte, während die Ärztin so 5 Sek. lang von links und rechts drauf schaute.” [sic]
(PDF, S. 136)
“Lustorgan”. Ihr “Lustorgan”. Sach ma, geht’s noch?
Eine Frau bringt es auf den Punkt:
“Durch die große Anzahl von Jungs […] verliert die Nacktheit jedoch etwas an Reiz. Der Reiz verlagert sich vielmehr auf die Demütigung der jungen Männer. […] Und wenn der Penis sich dann versteift, wenn der After untersucht wird und die Ärztin ausgiebig den Analbereich abtastet, wird der eine oder andere dann auch mal rot. […] Eine gewisse Demütigung ist sicher auch dabei.”
(PDF, S. 135)
Es kann mir niemand erzählen, daß sich eine Frau, die Medizin studiert hat und Ärztin wird, ganz ohne Hintergedanken bei einem Kreiswehrersatzamt beworben hat. Und nach dem, was ich da eben gerade zitiert habe, fühle ich mich in meiner Vermutung bestätigt: Die finden das ganz schön geil. Sich unter dem Deckmantel staatlicher Vorschriften die intimsten Stellen junger Männer zeigen zu lassen und sich an deren Demütigung zu ergötzen, kann kein Zufall sein. Was sind das eigentlich für Frauen? Mal ganz im Ernst. Sind die selbst in einer Beziehung und gehen abends, nachdem sie ich weiß nicht wievielen Männern an die Eier gegriffen und Vorhäute zurückgezogen haben, nach Hause zu ihrem Mann oder Freund und lassen sich dann durchnehmen? Treffen die sich abends oder am Wochenende mit ihren Freundinnen und gehen shoppen oder ins Kino oder was Frauen unter sich sonst so machen? Führen die ein Doppelleben? Ich weiß nicht, ich finde das pervers. Und es löst in mir Haßgefühle aus.
Nun mag so manche Frau dagegenhalten und argumentieren, sie müßten schließlich auch zum Gynäkologen und sich da unten befummeln lassen. “Stellt euch mal nicht so an, ihr Schlappschwänze”, höre ich sie rufen. Liebe Frauen, ihr vergeßt dabei aber etwas:
1. Zum Gynäkologen geht ihr freiwillig. Niemand zwingt euch dazu. Schon gar nicht der Staat, der euch mit Strafen droht, wenn ihr euch widersetzt.
2. Den Gynäkologen könnt ihr euch selbst aussuchen. Ihr selbst entscheidet, zu wem ihr geht. Ob zu einem Mann oder einer Frau.
3. Bei der gynäkologischen Untersuchung sitzt kein 20jähriger Student im Hintergrund, der alles mitschreibt und euch dabei ins Loch guckt.
4. Wenn euch eine Untersuchung unangenehm ist oder ihr sie aus anderen Gründen ablehnt, ist das in Ordnung. Ihr könnt jederzeit aufstehen und gehen ohne dadurch Konsequenzen befürchten zu müssen.
Wir wurden dazu gezwungen. Wir mußten das. Und wir konnten uns nicht aussuchen, zu wem wir gehen. Und mit 18, 19 hat man noch nicht das Selbstbewußtsein und Durchsetzungsvermögen wie mit 30. Heute würde ich mir sowas nicht gefallen lassen, Strafe hin oder her.
Interessant ist auch, daß ich im Zuge meiner Recherchen herausgefunden habe, daß weibliche Bundeswehranwärterinnen völlig anders untersucht wurden. In diesen Fällen war eine Untersuchung durch Gleichgeschlechtliche sogar vorgeschrieben! Die durften gar nicht von Männern untersucht werden. Und die Intimuntersuchung durften sie von einem Arzt ihrer Wahl, also beispielsweise auch vom Gynäkologen ihres Vertrauens, durchführen lassen. Hallo? Gleichbehandlung? Verstehe ich nicht. Kann mir das bitte mal jemand erklären?
Ich weiß nicht, was die Mustung in mir kaputtgemacht hat. Ich habe eine Vermutung, aber ich weiß es nicht sicher. Noch nicht. Ich kann auch nicht einschätzen, was die Musterung in anderen Männern kaputtgemacht hat. Vermutlich, daß sie Schwierigkeiten haben, Frauen zu vertrauen. Die Tatsache aber, daß man über dieses Thema nicht spricht und nie gesprochen hat (übrigens auch nicht Männer untereinander, das war immer ein Tabu-Thema), zeigt mir, daß andere mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und sich jeder so sehr für diese Demütigungen und Erniedrigungen schämt, daß man nicht darüber sprechen möchte. So langsam wächst in mir das Vorstellungsvermögen, wie es einer Frau ergehen muß, die vergewaltigt worden ist. Auch diese Frauen haben bekanntlich große Probleme, über das Erlebte zu sprechen, weil sie sich einfach so unbeschreiblich erniedrigt fühlen. Vor dem Hintergrund des Musterungstraumas kann ich das ein Stück weit verstehen. Es geht in die selbe Richtung.
Daß nun, nach vielen Jahrzehnten der legitimierten Qual, des Wegschauens und Schweigens diese Einrichtungen schließen sollen und die Demütigungen damit ein Ende haben, kann ich immer noch nicht glauben. Es ist dieses Ich-kann’s-noch-gar-nicht-fassen-Prinzip, und es wird wohl auch eine Weile dauern, bis ich das verstanden und verarbeitet und meinen Frieden damit gemacht habe. Es gibt zu diesem Thema noch ganz viel zu erzählen. Nicht umsonst hat der von mir erwähnte Petersson ein Buch darüber geschrieben. Ich habe es mir besorgt und bin dabei, es zu lesen, aber ich komme nie weiter als drei, vier Seiten, weil es mich so sehr belastet, daß ich es nicht aushalte. Ich bin nur froh, daß das alles nun vorbei ist, besonders im Namen derer, denen diese sexuelle Nötigung erspart bleibt.
All den Musterungsärztinnen und Protokollantinnen, die jahrelang in Kreiswehrersatzämtern ihr Unwesen trieben und junge Männer gequält und gedemütigt haben und denen, die diese absurden Vorschriften aufgestellt und bis zum Schluß verteidigt und danach gelebt haben, wünsche ich ähnliche Erfahrungen, die sie auch bis an ihr Lebensende begleiten und sie immer wieder einholen werden. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Gerechtigkeit, aus Gründen der “Gleichstellung”, die sie selbst als Legitimation vorgeschoben haben. Die Erfahrungen, die fast alle jungen Männer in Kreiswehrersatzämtern machen mußten, wünsche ich niemandem, aber den Musteruntsärztinnen und Protokollantinnen täte ein solches Erlebnis vielleicht auch mal ganz gut, um nachempfinden zu können, wie sich das anfühlt. Denn wer sowas selbst erlebt hat, der würde es anderen auch nicht antun..