Brief von einem Opfer

Brief von einem Opfer

Sehr geehrter Herr Petersson,   ( English translation here )

ich habe Ihren anklagenden Aufsatz zur menschenverachtenden Praxis der sogenannten “Musterung” im Rahmen der Wehrerfassung gelesen und möchte Ihnen dafür danken, für Ihr Engagement und Ihre klaren Worte.

Deutliches Benennen ist bei diesem Thema besonders schwierig, da die Scham der Opfer und auch die Tiefe der seelischen Verwundung ebenso wie das Nicht-Wissen-Wollen anderer ein offenes Gespräch in der Regel unmöglich macht.
Ich selbst bin 44 Jahre alt, meine Musterung liegt also bereits 26 Jahre zurück. Das Erlebnis der Erniedrigung hat jedoch eine seelische Wunde hinterlassen, die bis heute nicht verheilt ist. Es hätte mir sehr geholfen, wenn ich über diese Trauma ein einziges Mal offen hätte sprechen können, aber meine Versuche sind allesamt mit Entsetzen zurückgewiesen worden. Ich hatte den Eindruck, dass auch für andere dieses Thema mit zu großen Schmerzen in der Erinnerung verbunden war.

Sie brechen nun das Schweigen. Es fällt mir schwer, überhaupt Worte für meine Erinnerung zu finden. Als ich Ihren Text las, war es mir, als würde ich langsam den Verband einer Wunde entfernen – Schicht um Schicht. Als wollte ich sehen, ob sie nach 26 Jahren endlich verheilt sei. Mit jedem Satz Ihres Textes habe ich eine Schicht des Verbands entfernt. Dabei stellte ich fest, dass es in meiner Psyche einen Bereich gab, die regelrecht vereist war. Ich hätte ihn sorgfältig verschnürt und versiegelt. Mit dem Ende der Musterung in Deutschland fühle ich mich gedrängt, mich hiermit wieder auseinanderzusetzen. Ich las also Ihren Text, und meine Hände begannen langsam zu zittern. In dem Internet-Café war es sehr still. In dem Raum saßen nur drei oder vier Personen. Ich las Ihren Text und stellte fest, dass ich schließlich anfing zu weinen.
Ich sah meine Verwundung. Meine Seele war zerrissen worden. Statt einer Narbe unter dem Verband sah ich schließlich nach 26 Jahren eine offenen, klaffende Wunde voller Blut. Die entwürdigende pseudomedizinische Untersuchung hat nun in Deutschland bald ein Ende. (Leider nicht, mein Kommentar. Es geht mit den Freiwilligen weiter) Wie kann man Menschen helfen, deren ganzes Leben hiervon überschattet wurde, und deren Jugend zerstört worden ist. Die Menschen, die sich hierfür zur Verfügung gestellt haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden.
Ich habe mich nicht verweigert, wie andere, die einen sehr hohen Preis gezahlt haben – bis hin zu strafrechtlicher Verfolgung. Über eine Möglichkeit der Verweigerung der Intimuntersuchung bin ich nicht informiert worden. Ich habe es wie ein Schaf zugelassen, dass das Land der Shoah mir gegenübertrat, um meinen Körper zu schänden.
Als Siebzehnjähriger im Kreiswehrersatzamt Recklinghausen war ich im Jahr 1985 zu feige, um mich zu widersetzen. Wie soll denn ein junger Mensch ohne Informationsmöglichkeit einer solchen staatlichen Übermacht widerstehen.   Einige haben staatliche Repressionen in Kauf genommen, und der Staat mit all seiner Menschenverachtung schlug unbarmherzig zurück. Ich meine mich zu erinnern, dass der Untersuchungsarzt, der meine Genitalien untersucht hatte, als er meine Augen sah, meinte, dies sei “gesetzlich vorgeschrieben”.

Meine seelische Verzweiflung mit dem Erlebten fertig zu werden, hat mich zu folgendem Schluß geführt: Kein Gesetz dieser Welt darf sich über die Würde eines Menschen stellen und sie verletzen. Jeder hat die Pflicht über die Würde des Anderen zu wachen. Dieses Land hat so viel Leid in die Welt gebracht. Sie, Herr Petersson, haben von anderen geschrieben, die Ihren Mut in Deutschland mit dem Leben bezahlt haben. Für mich stellt dies neben der Erniedrigung, die ich erlebt, eine weitere Fragestellung dar. Wie können wir widerstehen?
Ich aber ware feige, und habe getan, was man mir sagte. Ich erschien zur Musterung und habe alles still über mich wie ein Schaaf ergehen lassen. Der Mut zum Widerstehen, wenn die Würde anderer verletzt wird, hat oft einen sehr hohen Preis. Die letzte Konsequenz ist oft entsetzlich grausam, und “du wirst die Arme ausbreiten … und andere werden dich führen, wohin du nicht willst”.
Geben Sie keine Ruhe, Herr Petersson. Forschen Sie nach! Die Amtsärzte sollen Ihnen Antworten geben! Veröffentlichen Sie die Stellungnahmen zu dieser Menschenverachtung! Endlich bricht jemand das Schweigen.

Xxxxx

(I received this letter in 2010. I have redacted the text and removed personal information. Unfortunately is this praxis not, as mentioned in the letter, brought to an end with the end of (or suspension) of conscription in Germany. It goes on as usual, now with ‘volunteers’ as victims – young men who, often because of unemployment, look for a future in the Bundeswehr. For them it will be even more difficult to refuse being humiliated. Doing so would of course not further their chances for a job…)

( English translation here )