Brief an Musterungsärztin Frau Dr. Teichert

Brief an Musterungsärztin Frau Dr. Teichert

Offener Brief   3.7.2013

Sehr geehrte Frau Dr. Teichert,

wir sind eine internationale Gruppe von Menschenrechtsaktivisten, die unter dem Namen BASTA ein Forum gefunden hat und sich schwerpunktmäßig mit Bedingungen innerhalb der Armeen diverser Länder beschäftigt. In Deutschland geht es uns insbesondere um Praxis der erzwungenen der Intimuntersuchung im Rahmen der Einstellungs- und sonstige Tauglichkeitsuntersuchungen der Bundeswehr und ihrer Behörden, für die Sie, wie viele andere Ärztinnen und Ärzte auch, zuständig gewesen sind.

Es gab also viele potentielle Adressaten für einen Brief wie diesen. Da Sie uns aber mit Ihren Äußerungen in Funk und Printmedien besonders aufgefallen sind, haben wir uns entschieden, Ihnen persönlich zuschreiben.

Zum vorläufigen Ende der Wehrpflicht in Deutschland hatte Sie der Journalist Simon Book im KWEA Hannover besucht. Er hat sich aus journalistischem Interesse ein zweites Mal einer Musterung unterzogen. Sie haben Ihn vor dem Beginn der Prozedur gefragt ob er das „komplette Programm“ wünsche. Es mag an der journalistischen Intention des Herrn Book liegen, dass durch eine derartige Formulierung der Fokus auf der urologischen und proktologischen Untersuchungen liegt. Für viele Wehrpflichtige wurde der Fokus im Rahmen der Musterung leider auch immer wieder auf diesen, zeitlich gesehen sehr kleinen Teil der gesamten Untersuchung gelenkt. Das liegt daran, dass eine derartige Untersuchung immer Scham behaftet ist. Diese Verletzung des Schamgefühls nimmt man bereitwillig in Kauf, wenn man beispielsweise unter Erkrankungen des Urogenitaltrakts oder des Darms leidet und sich durch einen Arzt Heilung verspricht. Diese Verletzung des Schamgefühls nimmt man auch noch in Kauf wenn man sich einer gewünschten  Vorsorgeuntersuchung unterzieht, um sich selbst zu schützen. Wenn es jedoch dazu kommt, dass die Bundeswehr meint im Rahmen einer Zwangsuntersuchung reihenweise Phimosen ausschließen zu müssen, die noch nicht einmal einen Grund zur Ausmusterung darstellen, fühlen sich viele junge Männer zurecht sexuell genötigt in ihrer Würde verletzt. Die Intimsphäre wird dort noch weniger respektiert, als es beispielsweise bei Strafgefangenen gesetzlich festgelegt ist, bei denen eine gerichtlich angeordnete Intimuntersuchung durchgeführt wird. Und das, obwohl sie sich nichts haben zu Schulden kommen lassen.

Diese Form der erzwungenen Nacktheit ist für viele junge Männer zum Trauma geworden. Eine Einschätzung des Sachverhaltes gibt unter anderem Prof. Dr. Mausfeld, Universitätsprofessor und Leiter des Instituts für Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel: “Da die untersuchte Person zum Objekt degradiert wird und keine Möglichkeit mehr hat, aus freiem Willen eine als erniedrigend empfundene Situation zu verlassen, stellt eine solche Situation etwas grundlegend Anderes dar, als etwa eine freiwillige medizinische Untersuchung, die das Schamgefühl verletzt. Mit psychischen Traumatisierungen ist bei einer solchen Prozedur und den hohen Fallzahlen in jedem Fall zu rechnen, so dass empirische Studien nur ein genaueres Bild über Häufigkeit und Schwere liefern könnten”.

Als Medizinerin müssten auch Sie mit solchen Fakten vertraut sein, zumal es sich ja um einen wichtigen Aspekt  ihrer täglichen Arbeit handelt. Dennoch haben Sie in dem Interview beispielsweise geschildert, das Sie im Falle einer Weigerung einfach zum Telefonhörer gegriffen haben um den betroffenen jungen Mann durch die Polizei vorladen zu lassen.  Haben Sie angesichts der Zwangssituation die jungen Männer wenigstens über die Möglichkeit, die Intimuntersuchung bei einem Facharzt des Vertrauens durchführen zulassen. Informiert? Oder haben Sie die Gefährdung der psychischen Gesundheit des Wehrpflichtigen in Kauf genommen?

“Ich würde Ihnen gern die Hand geben, aber mit Hut begrüßt man eine Dame nicht” mit diesem Satz haben Sie – so geben Sie zumindest stolz zu Protokoll- den ein oder anderen Wehrpflichtigen im KWEA Hannover begrüßt um ihn nur wenige Minuten später, völlig nackt, vor den Augen einer meist weiblichen Schreibkraft, zwangsweise intim zu untersuchen. Halten Sie so etwas für damenhaft? Halten Sie nicht auch im Vergleich dazu die Begrüßung mit Hut für eine Lapalie? Könnten Sie sich eine derartige Vorgehensweise mit vertauschten Geschlechtern vorstellen? Wir nicht und wir wünschen uns, dass ein derartiges Verhalten in Deutschland möglichst bald der Vergangenheit angehört, auch wenn es sich um freiwillige Bewerbungen bei der Bundeswehr oder in einem anderen Beruf handelt.

Wir beabsichtigen, diesen Offenen Brief auf unserer Homepage zu veröffentlichen und laden Sie dazu ein, dort ggf. auch Ihre Stellungnahme abzugeben.

Im Auftrag der BASTA Kampagne –Stoppt sexuelle  Erniedrigung im Militär-

Mit freundlichen Grüßen aus London

 

Lars G. Petersson, London UK