Fahnenflucht

Fahnenflucht

Bildunterschrift: Verräter. Ein deutscher Deserteur wird im Zweiten Weltkrieg hingerichtet. Das Foto stammt aus dem Buch Faneflugt/Deserters/ Hitlers Fahnenflüchtige.

Ludwig Baumann sieht sich selbst nicht als Held. Er war nur ein junger Mann gewesen, der sein Leben vor sich hatte; ein junger Deutscher, der leben wollte, nicht sterben für eine Sache, die nicht die seine war. „Warum sollte ich in fremde Länder reisen und Menschen erschießen, die mir niemals etwas zuleide getan hatten?“, fragt er heute, fast 60 Jahre nach dem Krieg, der sein Leben zerstörte, beendete. Nein, weshalb wohl sollte er das?

In einer dunklen Nacht im Juni 1942 desertierten zwei junge Männer, beide aus Hamburg, von ihrer Flottenbasis in Bordeaux, Frankreich. „Wir verstanden, daß das hier ein krimineller Krieg war, ein Völkermord. Wir wollten keine Soldaten sein. Wir wollten nicht töten.“ Am nächsten Tag wurden die zwei Freunde von einer deutschen Patrouille nahe an der Grenze zum unbesetzten Teil von Frankreich festgenommen und, obwohl sie beide bewaffnet waren, ließen sie sich ohne Widerstand festnehmen. „Sie hielten uns für verdächtig, aber da wir es geschafft hatten, Zivilkleidung anzulegen, mit Baskenmütze und allem Drum und Dran, hielten sie uns für unbewaffnete Franzosen und führten uns zurück in ihr Hauptquartier zum Verhör. Das war eine bemerkenswerte Situation. Sie gingen uns voran mit ihren über die Schulter gehängten Gewehren und wir hatten geladene Pistolen in den Taschen. Wir hätten sie erschießen können, aber wir taten es nicht. Nein, wir konnten so etwas nicht tun! Als wir endlich in ihrem Hauptquartier ankamen, endete das Ganze natürlich in einer Katastrophe. Sie fanden schnell heraus, daß wir verkleidete Deserteure waren und nun begann ernstlich unser Leidensweg.“

Deutsche Deserteure des zweiten Weltkriegs sind vergessene Opfer von ungeheurem Leid und Verfolgung. Nein, es hat gewiß kein großes Interesse für das Schicksal dieser Männer gegeben; es hat kein großes Interesse für diese Tausende junger „Verräter“ gegeben, die sich weigerten, sich als Werkzeug für Terror und Völkermord mißbrauchen zu lassen. Sie wurden gefoltert und hingerichtet von Nazi-Kriegsgerichten; sie wurden auch in der Nachkriegsgesellschaft weiter verfolgt und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen (in den meisten Fällen bis zu dem Tag, an dem der Tod sie von ihren seelischen Qualen befreite), und sie waren und sind vollständig vergessen vom Rest der Welt. Diese Welt hat ihnen immer – falls sie überhaupt deren Anwesenheit zur Kenntnis nahm – den Rücken gekehrt. Nein, Feiglinge waren sie, schmutzige Verräter, die ihr Vaterland und ihre eigenen Kameraden im Stich gelassen hatten. Was, außer Verachtung, hatten sie verdient?

Es kann keine Überraschung sein, daß führende politische Persönlichkeiten, einschließlich Kanzler Kohl, jahrelang scharf gegen die rechtliche Rehabilitierung dieser Männer gekämpft haben, von denen nur wenige noch am Leben sind. Nach einem langen, harten Kampf, geführt von oben genanntem Ludwig Baumann (jetzt 83 Jahre), den GRÜNEN und der kleinen sozialistischen Partei PDS, wurde im Frühjahr 2002 ein halbherziges Gesetz mit geringer Mehrheit im Parlament verabschiedet. Lange nachdem die meisten von ihnen bereits tot waren, wurde nun, zumindest in der Theorie, der kriminelle Status für viele dieser Männer geändert. Aber was war das Ganze in Wirklichkeit wert? Auch nach diesem letzten Schritt in einem tragischen Kampf für Gerechtigkeit werden „Verräter“, darunter Menschen, die verurteilt sind, weil sie in die Partisanenbewegung und Widerstandsgruppen der besetzten Länder desertierten, weiterhin als Kriminelle und Vorbestrafte betrachtet. Letztendlich bedeutet das, daß die heutigen Politiker nicht allein weiterhin diese Nazi-Gerichte anerkennen, sondern auch das legitime Recht dieses Regimes, existiert zu haben.

Ein Militärgesetz ohne Gnade war Hitlers Weg zum Sieg. Er hatte seine Lektion aus dem Ersten Weltkrieg gelernt, wo „nur“ 48 deutsche Soldaten hingerichtet worden waren. Das war, ihm und seinen Nazi-Freunden zufolge, eine Sentimentalität, die zur schicksalshaften Auflösung der Kampfmoral der Kaisertruppen geführt hatte, eine Sentimentalität, die zum Schluß in der schmachvollen Niederlage für das Vaterland endete. Nein, diese Schlappheit sollte sich nicht wiederholen dürfen.

In „Mein Kampf“ unterstrich Hitler, daß Desertion immer mit dem Tod bestraft werden sollte und mehr als willige Militärgerichte begannen schnell seine Erwartungen an Brutalität zu erfüllen. Das Resultat war schockierend: Bei Kriegsende waren 20.000 Soldaten hingerichtet worden und Tausende andere waren in Strafbataillonen und Konzentrationslagern umgekommen. Sie alle hatten den Eid gebrochen, der nicht auf das deutsche Vaterland geschworen wurde, auch nicht auf dessen Volk oder das Grundgesetz, sondern auf Hitlers Person allein: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich ohne Vorbehalt Adolf Hitler Gehorsam erweisen werde, dem Führer des Deutschen Reichs…“. Für einen Bruch mit dieser Loyalität gab es keine Gnade.

Erich Schwinge war einer der einflußreichsten Militärjuristen in seiner Zeit und ihm zufolge war die konstante Drohung mit dem Tod ausschlaggebend dafür, jeden einzelnen Soldaten zu einem gehorsamen und effektiven Werkzeug in der Hand der Nazis zu machen. Nicht nur diente Schwinge der Sache treu als ein eifriger Ankläger und Kriegsrichter, sondern er hatte viel der Grundlagen selbst für diesen juristischen Massenmord geschrieben. Mehr noch, nach dem Krieg entging er einfach und behaglich der Entnazifizierungskampagne der Nachkriegszeit und setzte über lange Jahre sein Wirken als respektierter Ratgeber inmitten der Regierungsadministration in Bonn fort. Niemand anderes als Heinrich Himmler selbst (!) hatte bemerkt, daß eines von Schwinges Urteilen nun doch eine Spur zu brutal war und hatte zum Vorteil des Opfers eingegriffen. Aber auch dies wurde nicht als Hinderungsgrund für eine erfolgreiche Karriere in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit angesehen. Nein, Schwinge hatte dort, wo es etwas bedeutete, gute Freunde und machte weiter, als ob nichts geschehen wäre. Er schrieb selbst die Geschichte des Kriegsrechts und das Reinwaschen konnte ungehindert fortgesetzt werden.

Der verurteilte junge Mann war Tag und Nacht in schweren Ketten gefesselt. „Das Rasseln ist noch immer in meinen Ohren“, sagt Ludwig, wenn er sich an die Tage in den Klauen des Teufels erinnert. Nach zehn langen Monaten in der Todeszelle, in denen er jeden Tag fürchtete, es könnte der letzte sein, wurde plötzlich eine Änderung des Urteils verkündet und über ein Konzentrationslager gelangte Ludwig zuletzt in das berüchtigte Militärgefängnis Fort Zinna in Torgau. Hier wurde er gezwungen, den Hinrichtungen anderer Deserteure beizuwohnen und bis heute verfolgen diese schrecklichen Erinnerungen ihn in seinen Träumen, genauso wie sie dies bei vielen seiner Leidensbrüder tun.

Ludwig war keineswegs allein. Der Hintergrund war oft verschieden, aber viele junge Männer sprangen ab, nachdem sie verstanden hatten, worum es bei diesem Krieg wirklich ging.

Aufgewachsen in einem preußischen Pfarrhaus wurde Peter Schilling von frühestem Alter an zu uneingeschränktem Respekt vor Autoritäten erzogen. Etablierte Regeln und ungeschriebene Gesetze durften nicht bezweifelt werden; so war die Auskunft. Der Großvater war stolz auf seine drei Söhne, die alle für ihren mutigen Einsatz für Kaiser und Vaterland im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden waren. Ein gläubiger Christ war er, der alte Patriarch: gottesfürchtig, reinen Sinnes – ja, wie direkt einem Bilderbuch über einen echten Preußen entnommen. Nein, er war kein Nazianhänger, aber trotzdem: Der Führer wurde nie in seinem Tischgebet vergessen und Autoritätsfiguren herauszufordern war für ihn dasselbe wie den allmächtigen Gott selbst zu schmähen. Fünf von Großvaters Enkeln verloren ihr Leben auf dem Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs und seine Antwort im Gebet war: „Guter Gott, ich danke Dir dafür, daß Du diese Märtyrer für unser Vaterland akzeptiert hast.“ Ist es überraschend, daß sich der Teenager Peter unter diesem Eindruck willig und ohne Zwang zum Wehrdienst meldete? Vermutlich nicht. Nein, er konnte nicht auf das unumgängliche Eintreten der Zwangseinberufung warten. Er wollte dabei sein, so schnell er konnte; verzweifelt wollte er ein Teil der Kampagne werden, davon überzeugt, daß die Welt nun durch die deutsche Seele und den deutschen Geist gerettet werden sollte. Aber sehr schnell fand Peter doch heraus, daß diese deutsche Seele auch ein schreiender Goebbels und seine hysterische Menge an Anhängern war. Er hatte genug und beschloß zu flüchten. Peter desertierte aus Gewissensgründen, aber der Großvater sah dies von einer anderen Seite. Für ihn war das Feigheit; das war Verrat. Statt daß eine solche Schande über die Familie gebracht wurde, hätte er vorgezogen, daß der Junge, mutig und der Sache treu, von einer feindlichen Bombe in Stücke gerissen worden wäre. Nein, das war nichts, um stolz darauf zu sein, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, über die Grenze in die Schweiz zu fliehen, sich der französischen Widerstandsbewegung anzuschließen und gegen sein eigenes Vaterland zu kämpfen. Daß dieses Vaterland eine faschistische Diktatur war, gut dabei, die halbe Welt in Trümmer zu legen, das war keine Entschuldigung.

Im Gegensatz zu so vielen anderen, die einen elenden Tod in den Strafbataillonen an der Ostfront fanden, überlebte Ludwig Baumann auch das auf an Wunder grenzende Weise, nachdem er in der Ukraine am Ende des Krieges verwundet wurde. Kurze Zeit danach, Weinachten 1945, war er nach Hause zurückgekehrt, aber der Deserteur kam mit seinem Leben nicht zurecht. Er konnte die Diskriminierung nicht aushalten; er kam nicht damit klar, mit der Verachtung zu leben. Wie so viele andere war Ludwig in seiner Seele zerstört. Sein Leben war in Stücke zerbrochen. Es war besonders deshalb schwer, zurück in der Gesellschaft, weil jemand, der verweigert hatte, Teil des Terrors zu sein, nun danach als jemand wahrgenommen wurde, der die gemeinsame Verdrängung der Vergangenheit störte. Hitlers Kameraden waren fast über Nacht zu den ökonomischen Gefolgsleuten des neuen Kanzlers Adenauer geworden und da war keine Zeit für Scham oder Selbstkritik. In dieser Situation waren die Deserteure nichts anderes als ein Gegenstand der Irritation.

Für andere war das Leben einfacher. Die konservative politische Partei CDU / CSU verteidigte die Kriegsrichter heftig. Ja, sie luden ihre braunen Freunde freudig ein, ihren Kurs unter neuer Flagge fortzusetzen und der Ruf nach Strafverfolgung wurde als Hetzkampagne und einfach als Hexenjagd gebrandmarkt. Auf diese Weise blieben die Blutsrichter straffrei und, mit guter Hilfe einflußreicher Kreise, erhielt auch der obengenannte Schwinge das Recht, fortgesetzt die Sache seiner Kameraden über Jahrzehnte weiterzuführen. Die Meinung war (und ist), daß diejenigen, die hingerichtet wurden, dies wurden, nachdem sie durch gut funktionierende Gerichte nach legitimen Nazi-Gesetzen verurteilt worden waren.

Es ist gar nicht so lange her, daß Deserteure und Militärdienstverweigerer wieder flüchteten – nun vom jugoslawischen Heer, um Schutz im übrigen Europa zu suchen. Sie wollten nicht Teil eines Völkermords sein, sagten sie. Sie wollten nicht ihre Mitmenschen abschlachten, jetzt, da wieder Krieg auf dem Balkan ausgebrochen war. Was geschah? Bei uns wurden sie nur mit Verachtung gestraft und beordert, zurückzukehren. „Was wollt ihr denn hier? Kehrt heim und kämpft für Euer Land!“. Ich kann kaum sagen, daß ich überrascht war. Erfahrung hatte mich gelehrt, dies nicht zu sein.

Als Gefängnis-Krankenpfleger hätte ich einige Jahre zu’vor Hunderte von Iran-Irak-Flüchtlingen gesehen, die in schmutzigen, überfüllten Gefängniszellen im Vestre Fængsel (Westgefängnis) in Kopenhagen zusammengepfercht waren. Ihre Verbrechen? Sie hatte keine grosse Lust von Minen in Stücke gerissen zu werden, massakriert zu werden im heiligen Namen des Vaterlands oder andere aus denselben Gründen zu erschießen. Sie hatten alle zusammen Abscheu und Verachtung für diejenigen gefühlt, vor denen sie geflohen waren – dem iranischen Ayatollah und dem „Präsidenten auf Lebenszeit“, Saddam Hussein. Aber machte das irgendeinen Unterschied? Nein, von den bewaffneten Truppen eines Diktators zu fliehen gibt kein Recht auf Schutz oder würdige Aufnahme, da diesem Tatbestand kein Flüchtlingsstatus zukommt. Diese Männer glaubten, daß sie in den Himmel gekommen seien, aber fanden die Wahrheit schnell heraus. Die Welt hat offenbar keine Zeit für Deserteure, auch wenn eine wachsende Zahl von ihnen ganz sicher diesen Planet zu einem weitaus sichereren Ort machen würde. Nein, wir tun alle so, als ob wir blutdürstige Diktatoren hassen, aber machen ohne Bedauern damit weiter, diejenigen abzuweisen, die sich aktiv geweigert haben, ihnen zu dienen.

Heute sollte der Rest von uns wenigstens nach der Wahrheit suchen: Waren sie allein Schuldige oder gibt es andere, die gerechterweise helfen sollten, deren schlimme Last zu tragen? Was mit denen von uns, die die Deserteure von dort zurückschickten, damit sie „für ihr Land kämpfen könnten?“
Müssen wir nun unserer Verantwortung gerecht werden dafür, daß wir den Mördern dabei assistiert haben, an diesen Männern festzuhalten, diesen unfreiwilligen Werkzeugen aus Fleisch und Blut, ohne die die Verbrechen gegen die Menschheit niemals möglich gewesen wären? Ja, wir halfen alle zusammen dem Diktator, indem wir die Deserteure und Widersacher gegen ihn verrieten. Indem wir diesen Weg fortsetzen, ihnen weiterhin den Rücken zuwenden, werden wir auch damit weitermachen, das Böse zu unterstützen, egal in welcher Verkleidung es das nächste Mal auftauchen wird.

Von Schweiß durchnäßt wacht mein alter Freund erschreckt auf. Wieder hat jemand an seine Zellentür geklopft. Uniformierte Wächter waren gekommen, um ihn zum Erschießen herauszuholen. Nein, nicht heute Nacht…aber vielleicht morgen. Ein Alptraum, der sich Nacht für Nacht wiederholt, auch heute noch, ein halbes Jahrhundert später. Im Schlaf werden die Erinnerungen lebendig; er ist ungeschützt; er kann sich nicht verstecken. Im Schlaf ist Ludwig Baumann zurück im Militärgefängnis Fort Zinna und wieder ist er ein wehrloses Opfer in Hitlers Klauen. Das ist das Trauma des Deserteurs; das ist seine lebenslange nächtliche Hölle; es wird sein Opfer niemals loslassen.

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Freiheitsmuseum Verlag Kopenhagen