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Hitlers Fahnenflüchtige

7.13.2012 | Books

Über 20 000 Deserteure und Kriegsdienstverweigerer wurden von Hitlers brutalen Kriegsrichtern zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zigtausend andere kamen in Militärgefängnissen und strafrechtlichen Batallionen ums Leben. Selbst für diejenigen, die mit dem Leben davongekommen waren, war das Leben nach dem Krieg nie mehr dasselbe. Bis zu ihrem Lebensende galten die meisten Männer, die den Nazis ihre Gefolgschaft entzogen hatten, als Verräter. Im Gegensatz dazu konnten ihre Richter, Leute, die dem NS-Staat treu gedient hatten, als geehrte Männer sofort nach Kriegsende in Politik und Justiz ihre Karriere fortsetzen. Das vorliegende Buch untersucht ein unglaubliches Unrecht. Es erzählt die Geschichte von Justizmorden von erschreckendem Ausmaß.

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Kurz-Besprechung: Hitlers Fahnenflüchtige, Lars G. Petersson, chipmunkapublishing,

Brentwood/Essex, UK 2012, ISBN 978-1-84991-795-7, 192 Seiten, Vorwort: Annette Bygott

Von Günter Knebel, Bremen*

(   http://www.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/index.php?page=buchtipps   )

Im britischen Verlag für geistige Gesundheit (mental health publisher) ist im Sommer 2012 ein Buch in deutscher Sprache erschienen, das in Deutschland besondere Aufmerksamkeit verdient.

Der schwedische Autor, Lars G. Petersson, hat sein Buch „Deserters“ in dänischer und englischer Sprache bereits 2005 vorgelegt. Seitdem ist es u.a. beim Museum des dänischen Widerstands gegen die NS-Besatzung in Kopenhagen erhältlich. Dass das Buch nun in deutscher Sprache vorliegt und damit den Einblick in das Denken europäischer Nachbarn über den Umgang Deutschlands mit >Hitlers Fahnenflüchtigen< erleichtert, ist auch das Verdienst von Annette Bygott, die in Oxford lebt. Als 1936 in Deutschland geborene Tochter „eines Soldaten, der 1941 zu Beginn des Russlandfeldzugs den >Heldentod fürs Vaterland< starb“, war sie schon durch ihre Mutter „hellhörig gemacht worden für die großen Verbrechen und das Leiden am Krieg“. Das prägte sie lebenslang und inspirierte sie zur Mitarbeit an dieser eindrücklichen Publikation. Diese wäre nicht zustande gekommen ohne die Zusammenarbeit des Autors mit den drei Zeitzeugen, deren Lebensgeschichten exemplarisch im Zentrum der Abhandlung stehen: Ludwig Baumann, Helmut Kober und Peter Schilling.

Über die Erlebnisse und Erfahrungen dieser drei Männer vor, während und nach dem 2. Weltkrieg, in den sie das NS-Unrechtsregime eingezogen hatte, berichtet der Autor in 42 Kapiteln auf 192 Seiten: Über Ludwig Baumanns bewegendes Schicksal, Peter Schillings Weg in die Wehrmacht, seine Fahnenflucht in die Schweiz und über Helmut Kobers Weg in den Widerstand, zuerst an der Ost-, später an der Westfront. Die erzählerische Form lädt – trotz oft grausamer Details – zum Weiterlesen ein, wozu „Schnipsel“ aus anderen Schicksalen ebenso beitragen, wie erhellende Gedanken über Widerstand in der NS-Zeit. Seine historischen Recherchen, gestützt auf persönliche Gespräche und ausführliche Begleitung der Zeitzeugen, vermittelt der Verfasser ansprechend, ja spannend. Die im Rückblick der Zeitzeugen erlebte Wahrnehmung der damaligen Situation, die Ereignisse und Begebenheiten werden einfühlsam nachgezeichnet und geschichtlich eingeordnet. Petersson gelingt es, die Authentizität der Hauptpersonen wiederzugeben, ohne Fußnoten oder wissenschaftlichen Apparat, dafür mit einigen Bildern und Dokumenten.

Das Buch zeigt anhand dreier aufschlussreicher Beispiele Formen militärischer Widerständigkeit auf, skizziert die Rahmenbedingungen ihres Handelns als „Hitlers Fahnenflüchtige“ und dessen biografischer Folgen pointiert. Das schließt einen Abriss des später nötigen, spannenden Kampfes um Rehabilitierung von 1990 bis 2002 ein, den sie als „alte Männer“ stellvertretend für die Wiederherstellung und Anerkennung der Würde der jahrzehntelang verfemten Opfer der NSMilitärjustiz gemeinsam führen mussten.

Ein Anhang, der auch Peter Schillings „Deserteurslied“ mit Text & Noten enthält, erinnert an ausgewählte deutsche Kriegsdienstverweigerer und verweist auf weiterführende Quellen. In seinem Nachwort plädiert der Autor nachdrücklich für die weltweite Anerkennung und Durchsetzung des Menschenrechts der Kriegsdienstverweigerung, um gegen Krieg und Waffengewalt ein lebensfreundliches Schutzrecht zu haben. Dem Zitat von Tony Benn, ehemaliger Vorsitzender der britischen Labour Party, Minister und Parlamentsmitglied, auf dem Umschlag ist nichts hinzuzufügen:

„Lars G. Peterssons Buch thematisiert die leidvolle Geschichte deutscher Soldaten, die sich aus Gewissensgründen weigerten im Krieg für Hitler zu kämpfen. Nicht nur um dieser Geschichte willen ist es ein wichtiges Buch, sondern weil Menschen, die sich für den Frieden einsetzen, häufig in ihrem Heimatland verachtet, bestraft und hingerichtet werden und weil ihr Andenken später durch den Vorwurf des Vaterlandsverrats beschmutzt wird, während sie in Wirklichkeit Tapferkeit bewiesen, die uns alle inspiriert. Solches tut der Nationalismus den Menschen an – auch heute noch, weshalb dieses Buch uns alle angeht.“

 

* Jahrgang 1949, von 1982-2010 Geschäftsführer der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung (EAK) in der EKD: www.eak-online.de; ehrenamtlich seit 1998 Schriftführer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V., Bremen; www.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de

 


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